Islamismus in Ostdeutschland – Antworten zwischen Prävention und Integration

Ein Beitrag von Julia Bormuth und Mira Schwarz ufuq e.V. ist ein zentraler Akteur in der politischen Bildungs- und Präventionsarbeit zu den Themen Islam, Islamfeindlichkeit und Islamismus. Am Online-Fachtag vom 2. Juni 2021 „Islamismusprävention – im Osten was Neues?“ diskutierten Teilnehmer*innen Perspektiven, Herausforderungen und Handlungsschritte der Präventionsarbeit in den Neuen Bundesländern. Ein Anliegen wurde dabei besonders deutlich: Prävention von Islamismus beginnt bei der Förderung islamischer Strukturen und der erfolgreichen Integration und Teilhabe muslimischer Bürger*innen.

Islamismus, Radikalisierung und antimuslimischer Rassismus – ein Spannungsfeld

Prävention von Islamismus findet nicht im luftleeren Raum statt – Dort wo Islamismus und Radikalisierung und Strukturen zur Prävention thematisiert werden, muss die Frage nach Diskriminierungserfahrungen von Muslim*innen mitgedacht werden. Der Grund: Gesellschaftliche Ausgrenzung als Produkt von Rassismus und Diskriminierung kann Radikalisierungsprozesse anstoßen. Menschen fühlen sich aus der Mehrheitsgesellschaft verdrängt und finden neuen Halt und Identität in radikalen Gruppierungen (Hößl 2019, o.S.).

„Eine Perspektive von gleichberechtigter Teilhabe, Integration und Anerkennung ist ein notwendiger Beitrag zur Prävention“

Mit diesen Worten beschreibt Susi Möbbeck, Staatssekretärin im Ministerium für Arbeit, Soziales und Integration Sachsen-Anhalts, das Ziel für den Lebensalltag von  Muslim*innen in Ostdeutschland. Als Bestandteil der Strukturen zur Prävention müssten Maßnahmen zur Anerkennung in die Mehrheitsgesellschaft gefördert werden. Mit dem Ausbau von Möglichkeiten zur gleichberechtigten Teilhabe und Integration in die Mehrheitsgesellschaft könnten Erfahrungen von Ausgrenzung reduziert werden. Jedoch seien gerade im Osten Muslim*innen vermehrt Rassismus ausgesetzt. Als einen Grund sieht Möbbeck die im Vergleich zum Westen Deutschlands vergleichsweise junge Entwicklung erhöhter Zuwanderung.

Ausgrenzung in der Gesellschaft als Radikalisierungsfaktor (Foto © Steve Buissine, pixabay 2017)

Hans Goldenbaum, Koordinator des Multikulturellen Zentrums Dessau e.V., fasst die im Vergleich zu Westdeutschland „rückschrittige“ Ausgangslage von Muslim*innen zusammen: Im Osten würde Muslim*innen noch oft die „Normalität“ islamischen Lebens abgesprochen. Dies meint, dass in Großteilen der Mehrheitsgesellschaft muslimischer Glaube als fremd oder anders wahrgenommen wird. Ein Mangel an Akzeptanz und Bewusstsein für eine der Mehrheitsgesellschaft abweichende Religion erschwere dann das alltägliche Praktizieren des eigenen Glaubens. Die Hauptgründe hierfür sieht Goldenbaum erstens im Mangel an Kontakt zwischen der Mehrheitsgesellschaft und Muslim*innen, u.a. aufgrund des vergleichsweisen geringen Anteils in der Bevölkerung. Zweitens in der erhöhten Ausländerfeindlichkeit, die gleichzeitig die Suche nach mehr Kontakt reduziere. Außerdem sei drittens ein allgemeiner Trend zum Atheismus, zum Nichtglauben an Gott zu beobachten. Die Gesamtbevölkerung Ostdeutschlands entwickele ein erhöhtes Unverständnis gegenüber jeglicher Konzeption religiösen Lebens. Ein Defizit an muslimischen Gemeinden, Strukturen und qualifizierter theologischen Expertise bestärkten Muslim*innen in ihrer Wahrnehmung – Gesellschaftliche Strukturen böten nur begrenzt Raum für islamischen Glauben.

Das Schaffen von mehr Akzeptanz für muslimisches Leben ist jedoch ein Schlüssel gegen Radikalisierungsprozesse. Gerade in Entwicklungsphasen von muslimischen Jugendlichen sind offene Räume für Fragen und positive Glaubensvorbilder für eine Identitätsfindung essenziell. Stoßen sie hingegen auf Ablehnung oder Unverständnis können Identitätskrisen Radikalisierungsprozesse begünstigen. (Srowig et. al. 2018, 19)

Ostdeutschland als Black Box: Grenzen in der Übertragbarkeit westdeutscher Konzepte

Ostdeutschland als Black Box – Entwicklung individueller Lösungsstrategien notwendig (Foto © Don Cloud, pixabay 2016)

Die Idee, Präventionsangebote am Vorbild erfolgreicher Strukturen der westlichen Bundesländer zu etablieren, ist nach Goldenbaum zu kurz gedacht. Radikalisierungsfaktoren seien hochgradig individuelle Prozesse. Ein Blick auf Gefährdungsfaktoren zur Radikalisierung im Kontext von Flucht, verdeutlicht die Abhängigkeit zum lokalen, gesellschaftlichen Umfeld. Erfahrungen von Unmut und Unzufriedenheit durch Identifikations- und Identitätskrisen, Scheitern der Bildungsbiographie oder Diskriminierungserfahrungen prägen den Radikalisierungsprozess – Eine Reduzierung dieser Faktoren verlange nach individuellen Analysen ostdeutscher Strukturen und Gegebenheiten. Noch zu unerforscht, glichen diese Strukturen einer Blackbox. Eine pauschale Übertragung von Konzepten oder Forschungsständen könne der Individualität nicht gerecht werden. Der Fokus sollte daher eher auf der Implementierung kommunaler Initiativen, Erstellung eines Lagebildes sowie Aufbauen eines Netzwerks an lokalen Multiplikator*innen liegen.

Weg von der Defizitorientierung – Hin zur Förderung lokaler Strukturen

Im Dialog über Präventionsansätze muslimischer Akteur*innen von Ost- und Westdeutschland werden die unterschiedlichen Bedarfe deutlich: Figen Mehmedoğlu, vom Multikulturellen Zentrum Dessau e.V., beklagt einen vorherrschenden defizitären Ansatz in der Präventionsarbeit. Ihren Erfahrungen nach fließen Gelder eher in die Arbeit von Präventionsprojekten anstatt in die Förderung muslimischer Strukturen. Doch eben dort bestehe die Herausforderung: Vielfalt und Normalität islamischen Lebens in der Gesellschaft und durch positive Glaubensvorbilder zu repräsentieren.

Abseits dieser Defizitorientierung sei es notwendig, ein Verständnis von Diversität und Religiosität zu fördern. Für ersteres können sozialarbeiterische und pädagogische Grundlagen dazu beitragen, Räume des Austauschs von Sprache, Kultur und Denkweisen zu schaffen. Durch diese gleichberechtigte Partizipation werden Vorurteile, Rassismen und Diskriminierungen reduziert – Anerkennung durch und Integration in die Mehrheitsgesellschaft wird gestärkt.

Zweitens ermögliche es die Förderung der lokalen Community, neue Präventionskonzepte für Ostdeutschland zu kreieren. Die Stärkung religiöser Strukturen bietet Muslim*innen Raum zum Ausleben ihrer Religion. Nach individuellen Bedarfen kann so auf Radikalisierungsfaktoren eingegangen werden: Fragen zur eigenen Religion kann mit Reflektion statt Radikalisierung begegnet werden. Gleichzeitig wird das Gefühl, als Muslim*in Teil der Gesellschaft zu sein, gestärkt.

Die Verbindung dieser zwei Herangehensweisen bildeten den Schlüssel guter Prävention: Abbau von Rassismen seitens der Mehrheitsgesellschaft und Stärkung der religiösen Identität als Teil gesellschaftlicher Vielfalt.

Ausblick: Wie gelingt Zusammenarbeit?

Neue Strukturen durch mehr Diversität und Zusammenarbeit ( Foto © Falco, pixabay 2014)

Der professionellen Umsetzung dieser Präventionsstrategien stehen jedoch Herausforderungen entgegen. Erstens: Die Frage der Zusammenarbeit muslimischer und nicht-muslimischer Akteure. So betonte Ibrahim Aslandur, Vertreter des Deutschsprachigen Muslimkreises Karlsruhe e.V. die Wichtigkeit, muslimische Strukturen durch Eigeninitiative von Muslim*innen zu implementieren. Dies fördere die Nachhaltigkeit der Projekte. Ergänzt werden soll dies durch die Stärkung des Austauschs und der Kooperation zwischen muslimischen und nicht muslimischen Akteuren.

Zweitens bedarf es eines grundsätzlichen Ausbaus langfristiger Projekte. Speziell in kleinen Städten in Ostdeutschland gibt es teilweise kaum Unterstützungsangebote. Mehr spezialisierte Anlaufstellen, Vernetzung, Kompetenzförderung der Fachkräfte und Eröffnung von Räumen zum Austausch sind notwendig. Diese gewährleisten gute Kooperationen und die Stärkung finanzieller und personeller Strukturen – all dies sind Beiträge Sozialer Arbeit zur Prävention.

Ufuq e.V. ist ein Ansprechpartner der politischen Bildungsarbeit für pädagogische Einrichtungen, Behörden, Wissenschaft und Politik. Neben Möglichkeiten zur Beratung und Fortbildung gestalten sie aktiv den Fachaustausch und die pädagogische Praxis durch Bildungsmaterialien sowie Austausch eigener Expertise. In Kooperation mit dem Multikulturellen Zentrum Dessau und dem Ministerium für Arbeit, Soziales und Integration Sachsen-Anhalt kamen deren Vertreter*innen mit bundesweiten Teilnehmer*innen auf dem Online-Fachtag zusammen.

Der Online-Fachtag wurde in einer Kooperation von ufuq.de, dem Multikulturellen Zentrum Dessau und dem Ministerium für Arbeit, Soziales und Integration Sachsen-Anhalt umgesetzt. Ufuq.de engagiert sich im Rahmen des Kompetenznetzwerkes Islamistischer Extremismus/KN:IX im bundesweiten Transfer von Erfahrungen der politischen Bildung und universellen Islamismusprävention. An dem Fachtag nahmen 100 Teilnehmer*innen aus dem ganzen Bundesgebiet teil.

Julia Bormuth studiert im Bachelor Studiengang Soziale Arbeit an der Fachhochschule Erfurt. Während sie sich als E-Tutorin an der Forschungsstelle RUK in der Erstellung und Betreuung der Social Media Kanäle einarbeitet und weiterbildet, unterstützt sie das Frauen- und Kinderschutzhaus der Mitternachtsmission, Heilbronn

Mira Schwarz studiert Internationale Soziale Arbeit an der FH Erfurt und arbeitet als wissenschaftliche Assistentin an der Forschungsstelle RUK. Ihr Schwerpunkt liegt dabei auf der Rolle der Frauen im jihadistischen Salafismus.  Daneben ist sie als Bildungsreferentin bei der Kreuzberger Initiative gegen Antisemitismus in Berlin tätig. 

Bibliografie