Soziale Arbeit in der Geflüchtetenhilfe – Grundsätze unantastbar?

Ein Beitrag von Jessica Washburn – Geflüchtete Menschen auf Lesbos in Griechenland leben oft seit Jahren in überfüllten Flüchtlingslagern unter katastrophalen Bedingungen in einer Situation des Wartens und der Ungewissheit. Verschiedene humanitäre Hilfsorganisationen wenden sich in ihrer Arbeit mit unterschiedlichen Hilfsangeboten an besonders schutzbedürftige Menschen, wie traumatisierte oder erkrankte Personen. Eine reflektierte Sozialarbeit und Selbstreflexion der Helfer*Innen ist dringend notwendig, um die Menschen nicht weiter als „passive und kranke Opfer“ zu stigmatisieren. Denn in der Konsequenz werden sie auf diese Weise vom aktiven Leben in und Teilhabe an einer Gesellschaft ausgeschlossen (vgl. Ingleby 2005: 23).

Jessica Washburn, Studentin an der Fachhochschule Erfurt, verbrachte im Rahmen ihres Masterstudiengangs Internationale Soziale Arbeit vier Monate im Geflüchtetenlager auf Lesbos und absolvierte dort ihr Praxissemester bei der internationalen NGO Fenix Humanitarian Legal Aid . In dieser Zeit unterstütze sie geflüchtete Menschen während des Prozesses der Antragstellung auf Asyl in der Europäischen Union.

Soziale Arbeit in der Rechtsberatung

Geflüchtetenlager auf Lesbos, Griechenland (© by Jessica Wahburn, 2020)

Im Rahmen der Flüchtlingsarbeit auf Lesbos arbeiten Menschen aus verschiedenen Professionen in multidisziplinären Teams zusammen. Professionelle Sozialarbeit spielt hier jedoch eine untergeordnete Rolle und wird meist nicht explizit gesucht oder beworben. Soziale Arbeit versteht sich als Menschenrechtsprofession (vgl. Healy 2008: 75), die eine klare Haltung und Prinzipien hat. Doch können diese immer auch außerhalb der eigenen Profession vertreten werden und welche Konflikte können dabei entstehen? Fokus von FENIX ist die Rechtsberatung. Auf Grundlage eines ganzheitlichen Konzeptes soll die Zielgruppe der besonders schutzbedürftigen Menschen erreicht werden. Gearbeitet wird in einem multiprofessionellen Team von Anwält*innen (Legal Team), Psycholog*innen (Mental Health Team), Sozialarbeiter*innen und Menschen verwandter Professionen (Protection Team). Diese Teams unterstützen die Klient*innen in der Zeit der Vorbereitung für das asylum interview. Die im Interview angegebenen Gründe warum jemand nicht in das Herkunftsland zurückkehren kann, oder ob die Türkei für die Person ein sicherer Drittstaat ist (Info Migrants 2017), entscheiden darüber, ob dieser Person in Griechenland Asyl gewährt wird oder nicht (Mobile Info Team n.d). Während das Legal Team die Menschen rechtlich berät und vertritt, begleitet das Protection Team besonders vulnerable Menschen zu Behörden und Ärzt*innen und stellt bei Bedarf entsprechende Empfehlungen und Anträge bei den zuständigen Institutionen und dem UNHCR aus, zur Verlegung der Menschen in andere Unterbringungsformen oder zur Vermittlung psychologischer Unterstützungsangebote.

Im Spannungsfeld zwischen professioneller Haltung und institutionellem Auftrag

Ein positiver Asylbescheid als oberste Priorität
Ein positiver Asylbescheid als oberste Priorität (© Gerd Altmann, pixabay 2018)

Eine der Hauptaufgaben der Mitarbeiter*innen des Protection Teams ist es, die legale Aufbereitung des Falles zu unterstützen. Durch Assessments versuchen sie dabei möglichst schnell, möglichst viel über die Vulnerabilitäten der betroffenen Personen herausfinden. Sind diese Opfer sexueller Gewalt oder mögliche Überlebende von Folter? Gibt es mögliche Vorerkrankungen oder liegt eine besondere Schutzbedürftigkeit aufgrund der psychischen Verfassung der betroffenen Person vor? Da psychologische oder andere medizinische Gutachten den Fall stärken können, ist es wichtig, so schnell wie möglich zu handeln. Das Tempo der Klient*innen, ihr Vermögen zur Mitarbeit und was sie in diesem Moment brauchen, spielt dabei nur eine untergeordnete Rolle. Das übergeordnete Ziel ist stets, einen positiven Asylbescheid und ein Bleiberecht zu erhalten.

Der Fokus von Fenix liegt eindeutig auf der Vulnerabilität, also der Verletzlichkeit, der betroffenen Personen und nicht auf ihrer Resilienz (Widerstandsfähigkeit). Es ist jedoch fatal anzunehmen, dass Vulnerabilität und Resilienz eindeutig trennbar sind. Menschen können in unterschiedlichen Lebenssituationen und -zeiträumen mehr oder weniger resilient bzw. vulnerabel sein. Gleichzeitig können sie mehr oder weniger Widerstandskraft gegenüber schädigenden Umwelteinflüssen zeigen. Daher sollten diese zwei Begriffe in Abhängigkeit zueinander und keineswegs statisch verstanden werden (Zander 2018).

Unter Resilienz wird im Allgemeinen die Fähigkeit eines Menschen, einer organisatorischen Einheit oder generell eines Systems verstanden, „sich an dramatisch veränderte äußere Bedingungen anzupassen und dabei funktionsfähig zu bleiben“ (Zoli; Healy 2013: 16).

Vulnerabilität bedeutet die herabgesetzte Widerstandsfähigkeit gegenüber Belastungen der Person-Umwelt-Beziehungen. Sie ist biologisch und psychologisch zu verstehen, kann ererbt, angeboren oder biografisch erworben sein und wird durch sogenannte Vulnerabilitätsfaktoren (unsicheres soziales Umfeld, fehlende Entlastungsmöglichkeiten, sozioökologische Bedingungen etc.) entscheidend beeinflusst (vgl. Noam, G.G. 1996, in: G. G. Noam & K. W. Fischer o.S.).

Dabei besteht die Gefahr, die Menschen zu re-traumatisieren: Im destabilisierten Umfeld des Geflüchtetenlagers erzeugt das Asylsystem Druck, mögliche traumatische Erfahrungen zu rekonstruieren und offenzulegen.

Eine Befreiung der betroffenen Person geht mit einer Stigmatisierung und Kategorisierung hinsichtlich von Vulnerabilitätskriterien einher (vgl. Humphries 2004). Eine Sozialarbeit, die die Würde des Menschen achtet, braucht jedoch eine ressourcenorientierte Grundhaltung (vgl. IFSW, IASSW 2014). In diesem Kontext befindet sich die Sozialarbeit somit in einem Spannungsfeld, in dem die Sozialarbeiter*innen mit der eigenen, aus der Profession resultierenden Haltung und dem institutionellen Auftrag in Konflikt geraten.

Es braucht ein neues Selbstverständnis Sozialer Arbeit im Kontext der Geflüchtetenhilfe

Geflüchtetenlager auf Lesbos, Griechenland (© by Jessica Wahburn, 2020)

Dilemmata und Spanungsfelder der Sozialen Arbeit sind nicht immer auflösbar. Überwiegt der Anspruch einer würdevollen Hilfe, die sich an den Stärken der Klient*innen orientiert oder bestimmt die Notwendigkeit deren Glaubhaftigkeit und Schutzbedürftigkeit zu sichern das eigene Handeln? Vermutlich ließe sich in diesem Fall schwer verneinen, dass eine würdevolle Hilfe Priorität haben kann, wenn es um den Schutz des Lebens der betroffenen Person geht. Dennoch sollte sich die Sozialarbeit ihrer eigenen Kompetenzen und Werte bewusst sein, diese nach außen vertreten und nicht aufhören zu fragen: „Wie kann die Würde des Menschen in der Hilfe geachtet werden?“ Oder auch: „Wie können Systeme verändert und Advocacy betrieben werden, damit schwer traumatisierte Menschen in Interviews nicht zu Aussagen gedrängt werden, zu denen sie nicht bereit sind?“ Dazu wird einerseits ein neues Selbstverständnis der Sozialen Arbeit benötigt, in dem sie selbstbewusst ihre eigenen Grundsätze vertritt und in interdisziplinärer Arbeit gemeinsam dazu beiträgt, menschenwürdige Hilfekonzepte zu erarbeiten. Andererseits bedarf es einer Re-politisierung der Sozialen Arbeit (vgl. Ferguson 2017) mit Ausrichtung auf einen Anti-Oppressive Approach (vgl. Dominelli 2002). Dieser soll bestehende Ungleichheiten nicht nur im Außen bekämpfen, sondern auch reflektieren, welche Rolle die Soziale Arbeit bislang selbst in diesem Gefüge spielt.

Jessica Washburn studiert Internationale Soziale Arbeit in Erfurt und wird dort im Herbst 2021 ihr Masterstudium abschließen. In ihrer Masterarbeit beschäftigt sie sich mit der Frage, wie emanzipatorische Soziale Arbeit im Kontext von Forced Migration aussehen kann und wie diese selbstbestimmte Eigeninitiativen und Selbstorganisation unterstützen und stärken kann. Ihr Praxissemester absolvierte sie auf Lesbos in Griechenland und arbeitete dort als Protection Officer in einer Rechtsberatungsstelle.

Bibliographie 
  • Dominelli, Lena (2002). Anti-Oppressive Social Work Theory and Practice. PALGRAVE MACMILLAN, New York.
  • Fenix (n.d.). URL: https://www.fenixaid.org/fenixaid [aufgerufen am: 05.08.2021)
  • Ferguson, Iain (2016). The new social work radicalism. Results and prospects. Social Alternatives Vol. 35 No. 4.
  • Healy, Lynne M. (2008). International Social Work. Professional Action in an Interdependent World. Oxford University Press, New York, 2. Auflage.
  • Humphries, Beth (2004). The Construction and Reconstruction of Social Work. In: Hayes, Debra; Humphries, Beth. Social Work, Immigration and Asylum. Debates, Dilemmas and Ethical Issues for Social Work and Social Care Practice. Jessica Kingsley Publishers, London, 29 – 41.
  • Info Migrants (2017). Greece’s asylum policy: explained. URL: https://www.infomigrants.net/en/post/3971/greece-s-asylum-policy-explained (26.08.2021)
  • Ingleby, David (2005). Editor´s Introduction. In: Ingleby, David (Ed.). Forced Migration and Mental Health. Rethinking the Care of Refugees and Displaced Persons. Springer, Utrecht.
  • International Federation of Social Workers (IFSW), International Association of Schools of Social Work (IASSW) (2004) Ethics in Social Work, Statement of Principles. URL: https://www.ethikdiskurs.de/fileadmin/user_upload/ethikdiskurs/Themen/Berufsethik/Soziale_Arbeit/IASW_Kodex_Englisch_Deutsch2004.pdf [aufgerufen am: 03.07.2021].
  • Mobile Info Team (n.d.). All you need to know about the asylum interview in Greece. URL: https://www.mobileinfoteam.org/asylum-interview (26.08.2021)
  • Noam, G.G. (1996). Reconceptualizing Maturity: The Search for Deeper Meaning. In: G. G. Noam & K. W. Fischer (Eds.), Development and Vulnerability in Close Relationships. Mahwah, New Jersey: Lawrence Erlbaum Ass.
  • Zander, Margherita (2018). Resilienz vs. Vulnerabilität? URL:https://www.socialnede/lexikon/Resilienz#toc_3 (28.08.2021)
  • Zoli, Andrew; Ann Marie Healy (2013). Die 5 Geheimnisse der Überlebenskünstler. Wie die Welt ungeahnte Kräfte mobilisiert und Krisen meistert. Riemann Verlag, München.