“Nothing about US without US!”- Forschung im Kontext der Romvölker

Ein Beitrag von Svenja Kleegrewe: Mit und nicht nur über Minderheiten forschen – eine Perspektive, die in jahrhundertelanger Auseinandersetzung mit der Geschichte der Romgruppen schmerzlich fehlte. Eine Rezension über Klaus Michael Bogdals Buch „Europa erfindet die Zigeuner – Eine Geschichte von Faszination und Verachtung“.

„[…D]as, was man schon immer über die Zigeuner weiß, verschafft den todbringenden Aussagen des Rassismus Plausibilität“ (Bogdal 2011: S. 482).

Mit „Europa erfindet die Zigeuner“ bringt Klaus-Michael Bogdal die Rolle der unheilvollen Konstruktion „des Zigeuners“ in der europäischen Literatur und Kunst mit der Legitimation des Mordes der Romvölker durch die Nationalsozialst*innen ans Tageslicht.

Bogdals „Europa erfindet die Zigeuner“ – Die Entstehung eines zerstörerischen Bildes

Buchcover ©Suhrkamp

Auf knapp 500 Seiten zeigt Bogdal, wie sich der Blick auf die Romvölker im Laufe von sechs Jahrhunderten in der europäischen Literatur und Kunst veränderte: Auf erste Einträge in Stadtarchiven im Spätmittelalter folgten die Versklavungen und Leibeigenschaften des 18. Jahrhunderts, sowie stereotypisierende Literatur und Kunst wie der Glöckner von Notre Dame und Carmen. Komplementiert mit der anthropologischen und ethnografischen „Forschung“ im 19./20. Jahrhundert entsteht ein Bild von „Faszination und Verachtung“ der Romvölker in Europa.

Während sich das Werk stellenweise in seiner historischen Detailliertheit und Interpretationstiefe verliert, ohne neue Argumentationsketten zu liefern (Steiner 2011: S.192), wird Bogdals zentrale These mit der Vielzahl an Beispielen zunehmend deutlich: Dass das zerstörerische Bild von „Faszination und Verachtung“ zu keinem Zeitpunkt von Angehörigen der Romvölker mit gezeichnet wurde. Die Deutungshoheit über das Bild des „typischen Zigeuners“ lag und liegt stets bei der europäischen Mehrheitsgesellschaft. Durch Zuschreibungen, Mythen, Romantisierung und Verteufelung in Literatur, Kunst und später auch in der Forschung, sowie einer fehlenden Verschriftlichung der eigenen Kultur durch die Romvölker selbst, wird eine immer größere Distanz zwischen der europäischen Mehrheitsbevölkerung und den Romvölkern geschaffen: Der „erfundene Zigeuner“ der Europäer*innen stellt für die Mehrheitsgesellschaft eine Realität dar, die die reale Lebenssituation und Kultur der Romvölker weit verfehlt.

Mit wachsendem Unbehagen erkennen die Lesenden, wie sich Stereotype und Zuschreibungen in der Kunst ab dem 18. Jahrhundert schleichend zuspitzen, bis sich Anfang des 20. Jahrhunderts ein rassistischer Blick auf „die Zigeuner“ verfestigt. In einer detaillierten und umfangreichen Analyse von Literatur, Kunst und Forschung entwickelt Bogdal eindringlich, wie dieser Blick den nationalsozialistischen Völkermord an den Romgruppen mit ermöglichte: Ab 1938 deportierten und ermordeten die Nationalsozialist*innen rund eine halbe Millionen Sinti und Roma in Europa, ohne auf nennenswerten Widerstand in der Mehrheitsbevölkerung zu stoßen (Bogdal 2011: Fings 2022).

„Sie sind Menschen, aber sie sind keine Menschen wie Wir“ – Die Gefahr der einseitigen Erzählung

Bogdals Parforceritt durch die Literatur verdeutlicht: Es ist gefährlich, wenn Geschichte einseitig erzählt wird. Literatur und Forschung ab dem 19. Jahrhundert, die von der machthabenden Mehrheitsgesellschaft ohne die Beteiligung der Romvölker selbst generiert wurden, zeigen die Folgen solcher Deutungshoheiten. Sie führen zur Reproduktion von Machtverhältnissen, Vorurteilen und Stereotypen, sowie gewaltvollen Zuschreibungen. Es entsteht ein Zerrbild der Wirklichkeit, das nach und nach als Realität akzeptiert wird (Asmuth 2014). Dieses wiederum hat weitreichende Folgen für die Lebensrealität der Romgruppen. „[…D]as, was man schon immer über die Zigeuner weiß, verschafft den todbringenden Aussagen des Rassismus Plausibilität“, bilanziert Bogdal (Bogdal 2011: S. 482).

Rassistische Zuschreibungen und stereotype Verkürzungen über die Romgruppen überleben bis heute und werden von „Zigeunerverstehern“ oder auch „Zigeunerfreunden“, wie Bogdal sie beschreibt, reproduziert. So behauptet die Gypsy Lore Society, einen solchen Einblick in die Kultur der Roma-Völker zu haben, dass Literatur und Forschung ohne Einbindung der beforschten Gruppen veröffentlicht werden könnten (Bogdal 2011: S. 241-247). Die negativen Folgen derlei einseitiger Forschungen der Mehrheitsgesellschaft ohne Teilhabe der erforschten Minderheit zeigen sich am Beispiel der Ethnographie und DNA-Forschung über Romgruppen. Diese werden bis heute durchgeführt, stützen Racial Profiling sowie weitere Segregation von Romgruppen in Europa. Zudem halten sie eine essentialistische Perspektive am Leben, aus der heraus die einzelnen Mitglieder der Romvölker nicht mehr als Individuen wahrgenommen werden, sondern als eine „Rassengruppe“ mit einheitlichen Eigenschaften, die „in ihrem Blut“ lägen (Surdu 2021: S. 24f.).

Bogdals Forschung als Teil des Problems?

Aber ist „Europa erfindet die Zigeuner“ dann nicht auch Teil des Problems, Teil des Systems, welches das alte europäische Bild von Romgruppen reproduziert? Schließlich gehört der Autor selbst weder ethnisch zu einer Romgruppe, noch hat er sein Buch in Zusammenarbeit oder unter Teilhabe der ethnischen Minderheit geschrieben.

(c) Kleegrewe (2018) Siretu, Rumänien (nähe Bacau)

Hier lässt sich entgegnen, dass ihn seine Epistemologie, oder zumindest Bogdals gewählte Analyseperspektive entschulden: Seine Metaanalyse der Jahrhunderte von europäischer Literatur und Kunst erhebt nicht den Anspruch etwas über die Romvölker selbst zu erzählen – das stellt er bereits zu Beginn des Buches klar (Essig 2022). Vielmehr sollen die Lesenden Einblick in ihre eigene Haltung gewinnen, in die Rolle, die sie selbst in der Systematik der Ausgrenzung und Stereotypisierung der Romvölker spielen. Bogdal will zeigen, dass niemand den Anspruch erheben kann, die Geschichte der realen Romvölker darzustellen. Sie ist durch die Literatur der Europäer*innen verdrängt und durch ein Zerrbild ersetzt worden. Dieses fremdbestimmte Bild versucht der Autor zu dekonstruieren, indem er sich anwaltschaftlich für die Erinnerungsarbeit zur Geschichte der Romvölker einsetzt (Heuss 2015).

Diskutieren ließe sich hingegen Bogdals scheinbar vollständige Aussparung der Perspektive der ethnischen Minderheit und seine Weigerung, sich politisch mit eigenen Argumenten für die Romvölker zu engagieren. Er scheint dem historisch gewachsenen Bild der europäischen Romvölker nichts entgegenzusetzen. Allerdings ist fraglich, ob eine Einbindung der „Roma-Perspektive“ und Argumentation gegen die Stereotypisierung nicht genau jene Grenze zur Bevormundung überschreiten würde, die Bogdal in seinem Buch dezidiert anprangert (Essig 2022).

Nothing about us, without us!

Seit den 1980er Jahren hat sich die Forschung in Bezug auf ethnische Minderheiten entscheidend weiterentwickelt. Konzepte wie antirassistische Forschung, rassismuskritische Forschung oder auch partizipative Forschung sind Teil eines neuen Forschungsstandards. Im Bereich der Geschichte und Analysen der heutigen Romgruppen haben sich Forschungszentren wie das European Roma Research Center etabliert. Advocacy-, Erinnerungs- und Aufklärungsarbeit, wie zum Beispiel durch den deutschen Zentralrat der Sinti und Roma oder das Dokumentationszentrum „Rom-Archive“ geben richtungsweisende Impulse für Politik und Forschung (Asmuth 2014).

Partizipative Forschung: Der Begriff umfasst eine Vielzahl an Forschungsansätzen,  in denen sich gesellschaftliche Akteur*innen als „Co-Forschende“ an Forschungsprozessen beteiligen können und wodurch gesellschaftliche Teilhabe und Empowerment der beteiligten Akteur*innen gestärkt werden (Unger 2014: 1).

(c) Kleegrewe (2015) Donaudelta bei Sulina, Rumänien

Die Jahrhunderte der fremdbestimmten Forschung und Literatur lassen sich allerdings nicht mehr aufheben. Bogdal selbst schreibt in seinem Epilog: „Wer gehofft hat, dass hinter den dargestellten Zerrbildern durch kritische Untersuchung am Ende die wirklichen Menschen hervortreten und die Wahrheit über die Romvölker erscheinen werde, […] muss enttäuscht werden“ (Bogdal 2011: S. 479). Die wahre Geschichte der Romvölker kann nachträglich nicht mehr erfasst werden und bleibt wohl für immer im Dunkeln (Bogdal 2011: S. 479ff). Für die Zukunft hingegen besteht die Chance, aus der Geschichte zu lernen: Ob auch die nächsten Jahre der Geschichte der Romvölker auf dieselbe Art und Weise „verloren“ gehen oder ob sie ihre eigene Geschichte erzählen können, liegt ohne eigene Forschung der Romvölker über die Romvölker weiterhin in den Händen der machthabenden Mehrheitsgesellschaft.

Selbst- und Fremdbezeichnungen der Romvölker:

„Zigeuner“: Fremdbezeichnung durch die Mehrheitsgesellschaft Europas. Untrennbar verbunden mit rassistischen Zuschreibungen, die sich, über Jahrhunderte reproduziert, zu einem geschlossenen und aggressiven Feindbild verdichtet haben, das tief im kollektiven Bewusstsein verwurzelt ist.

„Sinti und Roma“: Die Selbstbezeichnung wird als Sammelbegriff für die ethnische Minderheit in Europa verwendet. Sie setzt sich zusammen aus:

  • „Sinti“ (aus dem Sanskrit „Menschen vom Sindhu“): Die Selbstbezeichnung beschreibt die seit dem ausgehenden Mittelalter in Mitteleuropa beheimateten Angehörigen der Minderheit. „Roma“ (im Zusammenhang „Sinti und Roma“): Die Selbstbezeichnung beschreibt die seit dem ausgehenden Mittelalter in (Süd)Osteuropa beheimateten Angehörigen der Minderheit.
  • „Roma“/“Rom“ (Bedeutung „Mensch“): Die Selbstbezeichnung ist eine oft verwendete Sammelbezeichnung für die gesamte ethnische Minderheit.

(Zentralrat deutscher Sinti und Roma 2015)

Romvölker/Romgruppen: Wortneuschöpfung abgeleitet von „Roma“; Ein von Klaus-Michael Bogdal geprägter Sammelbegriff, der von öffentlichen Gruppen als Selbstbezeichnung übernommen wurde. Die Begriffe sind die umfassendste Bezeichnung, die in Europa existiert. Sie bindet Gruppen mit ein (wie z.B. die Calé) welche evtl. nicht mit der Bezeichnung „Sinti und Roma“ abgedeckt sind (Volkshochschule der Burgenländischen Roma 2014: S.1 ff.; Klaus Michael Bogdal 2011: S.15).

Svenja Kleegrewe studiert im Masterstudiengang Internationale Soziale Arbeit an der Fachhochschule Erfurt. Ihr Forschungsschwerpunkt ist das Thema ‚Partizipation‘ mit einem spezifischen Fokus auf Osteuropa. Neben dem Studium ist sie als Seminarleitung in der internationalen Bildungsarbeit für die Europa-Freiwilligen im Austauschprogramm des Europäischen Solidaritätskorps tätig.

Disclaimer: Inhaltliche und politische Positionierungen und Äußerungen unserer Autor*innen und Interviewpartner*innen geben die Meinung der Autor*innen und Interviewpartner*innen wieder und entsprechen nicht notwendigerweise denen der RUK-Redaktion.

Bibliografie

  • Bogdal, Klaus-Michael (2011): Europa erfindet die Zigeuner. Eine Geschichte von Faszination und Verachtung. In: Mitteilungen des Instituts für Österreichische Geschichtsforschung.
  • Essig, Von Rolf-Bernhard (2022): Das tödliche Phantom – Klaus-Michael Bogdals Buch „Europa erfindet die Zigeuner“: literaturkritik.de. Verfügbar unter https://literaturkritik.de/id/17474 (02.02.2022)
  • Fings, Karola (2022): Die Anzahl der Opfer. Hg. v. RomArchive. Verfügbar unter: https://www.romarchive.eu/de/voices-of-the-victims/the-number-of-victims/ (02.02.2022)
  • Herbert Heuss (2015): Europa erfindet die Zigeuner. Eine Geschichte von Faszination und Verachtung [Europe invents the Gypsies. A story of fascination and contempt] by Klaus-Michael Bogdal (review). In: Romani Studies 25 (1), S. 95–97. Verfügbar unter https://muse.jhu.edu/article/584114
  • Steiner, Stephan (2013): Klaus Michael Bogdal, Europa erfindet die Zigeuner. Eine Geschichte von Faszination und Verachtung (rezension). In: Mitteilungen des Instituts für Österreichische Geschichtsforschung, 121 (1), S. 191-192. Verfügbar unter: https://www.recensio.net/rezensionen/zeitschriften/mioeg/121-2013/1/ReviewMonograph669198884
  • Surdu, Mihai (2021): Whose blood? Which Genes? In whose benefit? Genetic studies of Roma from 1921 until today. In: nevipe – Nachrichten und Beiträge aus dem Rom e.V. 2021 (3), S. 24–26. Verfügbar unter: http://www.romev.de/medien/nevipe/nevipe_2021_03.pdf.
  • Tobias Asmuth, Klaus-Michael Bogdal (2014): „Eine Geschichte von Klischees und Vorurteilen“ | bpb. In:Bundeszentrale für politische Bildung, 24.02.2014. Verfügbar unter: https://www.bpb.de/internationales/europa/sinti-und-roma-in-europa/179539/die-macht-der-bilder-ein-gespraech-mit-klaus-michael-bogdal (02.02.2022)
  • Unger, Hella von (2014). Partizipative Forschung. Einführung in die Forschungspraxis. Wiesbaden: Springer Fachmedien.
  • Volkshochschule der Burgenländischen Roma (Hrsg.) (2014): Roma oder doch Sinti? In: Roma Catjung, Extrablatt. Verfügbar unter: https://vhs-roma.eu/images/Cajtung/SonderCajtung.pdf (10.03.2022)
  • Zentralrat Deutscher Sinti und Roma (2015): Erläuterungen zum Begriff „Zigeuner“. Unter: Stellungnahmen 9. Oktober 2015. Verfügbar unter: https://zentralrat.sintiundroma.de/sinti-und-roma-zigeuner/ (10.03.2022)